Die Tragödie Demmins - Vergangenheit & Gegenwart

Die Vergangenheit

Die Opfer des Massensuizids in Demmin

Der grösste Massensuizid Deutschlands geschah Demmin. Er ging als die "Tragödie Demmins" in die Geschichtsbücher ein.

 

Zwischen dem 30. April 1945, dem Tag an dem Hitler Suizid beging, und dem 3.Mai 1945 entschieden sich mehr als 1000 Menschen (Schätzungen reichen bis zu 2500) in Demmin für den Freitod. Gift oder Gas kam zum Einsatz, die Menschen erhängten sich und ihre Kinder, sie erschossen sich gegenseitig. Frauen banden sich ihre Kinder um den Körper und stiegen, beschwert von Steinen in die nahegelegenen Flüsse wie der Peene und der Tollense oder den Schwanensee im Zentrum Demmins gelegen. Sie wollten damit einerseits den anmarschierenden russischen Truppen und ihren gefürchteten Foltern und Vergewaltigungen entgehen. Andererseits sahen viele Menschen nach dem Ende des Reiches, und dem Tod des Führers keinen Grund mehr mit ihrer Familie weiterzulebenin - einem Deutschland, regiert von Franzosen,  Amerikanern und Russen.

 

Die Panik griff um sich und wurde beinahe ansteckend. Die Rache und Vergeltung der Alliierten, und insbesondere der Russen für die unbeschreiblichen Greueltaten der deutschen Armee, würde grauenhaft sein für alle deutschen Frauen und ihre Kinder. Zu hunderten schritten daher führertreue Demminer in den Freitod, andere waren einfach physisch und psychisch nicht stark genug ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Die Angst vor dem was kommen würde, und wie es den Kindern und Frauen beim Einmarsch der Russen ergehen würde, war zu gross. Die feste Überzeugung das Richtige zu tun, in dem sie selbst über das Ende des Lebens ihrer eigenen Kinder entschieden, um ihnen diese Scham und Qual zu ersparen, liess Mütter, wie Väter zu Mördern werden.

 

Der Unmut gegen die eigene Armee, gegen Hitler,  dessen Armee und  Taten war weniger präsent. Denn es sollte in dieser Tragödie nicht vergessen werden, dass es die deutschen Soldaten, Hitlers SS war, welche diese Frauen, Männer und Kinder in diese ausweglose Situation gebracht hatten. Dazu muss man wissen, dass Demmin eine Stadt ist, die nur über Brücken zu erreichen ist, da sie von 3 Flüssen (Peene, Trubel und Tollense) umschlängelt wird. Als die SS auf dem Rückzug vor den voranschreitenden russischen Truppen alle Brücken über diese Flüsse zerstört hatte, war Demmin zu einer Insel geworden. Die Russen wurden daher im Fortschreiten eingeschränkt, und waren gezwungen in Demmin zu verweilen, bis sie eine Möglichkeit fanden, die Peene, Trebel und Tollense zu überqueren.  Damit waren also nicht nur die Russen, sondern auch die Demminer eingekesselt.

Eine Situation, die zum Niederbrennen der Stadt führte, welche mehrere Tage in Brand stand und zu den gefürchteten Massenvergewaltigungen. 

 

Die Ängste derer, die diesem mit ihrem Freitod entgehen wollten, wurden also bestätigt. So weit das Demmin nach dem Mai 1945 nie wieder so sein, wie es vorher einmal war. Wie die Stadt selbst, so waren auch viele der Frauen, Männer und Kinder, die den Mai 1945 überlebt hatten, oft nur noch ein Schatten ihres damaligen selbst. 

 

Die Gegenwart

 

Eine wirkliche Verarbeitung dieses Traumas und eine öffentliche Auseinandersetzung sollte mehr als 50 Jahre dauern. Die DDR und der Einfluss der Sowjetunion, deren Kriegsvergangenheit nur mit der heroischen Befreiung Deutschlands von den Fängen des Faschismus gleichgesetzt werden durfte, liess Anderes nicht zu. 

 

Die mehr als tausend Demminer Toten waren in der DDR Gesellschaft nicht existent. Niemand sprach über sie, einen Grabstein gab es nicht. Die einzigen Orte an denen diese Menschen existierten, war in den Herzen und Erinnerungen der Menschen. Diese Menschen wussten von dem Massengrab auf dem Demminer Friedhof. Sie haben die toten Kinder, Frauen und Männer auf den Bänken und in den Flüssen gesehen, sie von Bäumen geschnitten, aus den Seen gefischt, sie auf Wagen verfrachtet. Sie haben sie zur letzten Ruhestätte gebracht. Sie haben Tanten, Schwestern, Mütter verloren und sind in Häuser eingezogen, in denen niemand überlebt hatte.

 

Ihr Leben ging weiter. Demmin musste und sollte wiederaufgebaut werden.

 

Dann fiel die Mauer und langsam begann man mehr über das Thema hier und da zu hören, Journalisten tasteten das Thema zögerlich an. Jedoch erst um 2015 / 2016 begann die echte Auseinandersetzung. Das Buch "Kind, versprich mir, dass du dich erschiesst" von Florian Huber kam 2016 in die Buchhandlungen, später 2017 "Vertreibung aus dem Paradies" - ein Roman des Demminer Künstlers Karl Schlösser. Plötzlich gab es Artikel in allen grossen Illustrierten, Zeitungen und in vielen Fernsehsendern. Gleichzeitig begann der Dreh für den Film "Über Leben in Demmin" welcher 2018 in die Kinos kam, und grosse Erfolge feierte.

 

Jedoch hat diese Erinnerungskultur und Verarbeitung auch ein anderes Klientel auf die Bühne gerufen. 

 

Karl Schlössers Buch
Karl Schlössers Buch
Florian Hubers Buch
Florian Hubers Buch

 

Umso makaberer an der Demminer Geschichte ist es jedoch zu wissen, dass Neonazis diese Tragödie, diese toten Kinder, Frauen und Männer jedes Jahr am Tag der Befreiung, dem 8.Mai, für ihre eigenen Zwecke perfide instrumentalisieren. Dieser sogenannte "Trauermarsch" umfasst einen Fackelzug mehrerer hunderter Neonazis durch die Demminer Innenstadt und endet mit von vor Patriotismus und Kriegsrhetorik strotzende Reden am Peeneufer. Die wenigsten der Teilnehmer sind Demminer.

 

Diese Sonnenbrillenträger mit ihren rasierten Haaren, tätowierten Körpern und schwarzen Pullovern, die Aufdrucke wie Volkstod, Ostpreussen und Thor Steinar in Tannenberg Schriftart zieren, marschieren mit ihren Fackeln,  Vorpommern und Deutschland Flaggen entlang der Überlebenden. Sie spazieren entlang der wenigen, die wissen wie es war, in dieser Zeit gelebt zu haben und die diese Art von Gedenken mit dem grössten Widerwillen ertragen müssen.

 

Sie trampeln mit ihren Stiefeln auf dem Andenken derer, die sie vorgeben zu gedenken.  

 


Demmin 8.Mai Demonstrationen 2018 (Quelle Nordkurier)
Demmin 8.Mai Demonstrationen 2018 (Quelle Nordkurier)

 

Dieser 8.Mai Trauermarsch wird in Martin Farkas "Über Leben in Demmin" aufgegriffen. Eine aufwühlende Dokumentation, die diese für "Nicht-Demminer "schwer zu verstehende Situation ergreifend darstellt.  

 

Jedes Jahr werden also die Demminer auf perfide Art an diese Geschichte erinnert in dem rechtsradikal denkende Menschen durch ihre Strassen ziehen.

 

Aber, und umso wichtiger, sehen die Menschen auch, wieviele sich gegen diese Art der Erinnerung stellen. Denn, Demmin kann und will mehr sein.  In den letzten Jahren sind die Gegendemonstrationen des neutralen und linken Flügels auf beachtliche Grössen angewachsen. Friedensfeste wurden gefeiert und insbesondere die vielen Freiwilligen hinter dem Aktionsbündnis 8.Mai / Demmin Nazifrei zusammen mit dem Einfluss der lokalen Band Feine Sahne Fischfilet haben sie diesen einst braunen, in einen bunten, konfettirosanen Tag verwandelt.

 

Dieser Aufwand, des Organisieren dieser Gegendemonstrationen und den des Generellen Anliegens, Demmin "bunt" und freundlicher zu gestalten, wurde in diesem Jahr endlich mit einem Publikumspreis belohnt: den des Engagements für das Ehrenamt in Mecklenburg- Vorpommern belohnt wurde.

 

Demmin hat daher viel zu tun, aber es ist auf dem richtigen Weg, bei dem die Demminer Geschichte endlich dazu genutzt wird offen und in Foren zu diskutieren, Einstellungen zu verändern. Die Auseinandersetzung mit der Demminer Geschichte soll aber insbesondere eines: den Tod aller Demminer gebürtig, und für die Überlebenden angemessen, gedenken.

 

 

Der Trailer zur Dokumentation "Über Leben in Demmin"


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